Spontanhilfe in Kathmandu – schnell und unbürokratisch

Am 21.06.2016 erhalte ich eine Mail von meiner Freundin Annett. Sie ist auf Weltreise und sendet bei Gelegenheit Berichte und Bilder an ihre Freunde.

Dieses Mal wendet sie sich mit einer Bitte an uns…

Seit 3 Tagen in Kathmandu / Nepal, ist sie schockiert wie es reichlich ein Jahr nach dem Erdbeben im April 2015, dort immer noch aussieht. Das Leben ist nach wie vor ein Provisorium. Viele Menschen haben ihre Unterkunft  in einer Zeltstadt, zusammengezimmert aus Planen und Wellblechen zwischen Trümmern. Die Leute bekommen kein Geld und auch keinerlei andere Hilfe, deshalb müssen sie so hausen. Es gibt kein Strom, kein fließendes Wasser, die Küche besteht meist aus einem Gaskocher, abgewaschen wird auf dem Lehmboden und für die Notdurft gibt es stinkende Plumskloos. Die angehängten Fotos geben uns einen kleinen Einblick in das Beschriebene.

 

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…sie möchte den Menschen direkt vor Ort helfen und Jeder von uns, der mag, kann sich mit einer Geldspende beteiligen.

Da Annetts Visum am 17.07.16 auslaufen wird, schlägt sie vor, Zahlungen bis spätestens 07.07.16 vorzunehmen, damit sie noch etwas Luft hat um zu agieren. Zum aktuellen Tageskurs in Nepalesische Rupies umgetauscht möchte sie es verteilen, weiß zwar noch nicht genau wie, wird aber genauestens Bericht erstatten, begleitet von Fotos, damit wir sehen was mit dem Geld geschieht. Zum Schluss der Mail ein Dank von ganzem Herzen für unser Vertrauen und die Geduld, diese Mail zu Ende gelesen zu haben. In der Hoffnung auf ein erfolgreiches Projekt!

Ich persönlich bin dankbar, dass Annett mich in die Hilfsaktion einbezogen hat und denke es geht auch den anderen so. Direkter geht Hilfe ja nun wirklich nicht, ohne das vielleicht ein Teil der Mittel in dubiosen Kanälen verschwindet bzw. einem bürokratischen Aufwand zum Opfer fällt.

Der Bericht und die Bilder kamen. Ich war sehr ergriffen und möchte euch beides zeigen. Vielleicht inspiriert es dazu ähnliches zu tun. Denn eins darf man einfach nicht – mit geschlossenen Augen durch die Welt gehen.

 

 

15.07.2016, Mail von Annett

Projekt „Erdbebenhilfe“ in Kathmandu/Nepal

Wie war ich erfreut, als ich von meinem 14-tägigen Trekking zum Mt. Everest-Basecamp zurückkam! Ehrlich gesagt hatte ich nicht mit so einer hohen Summe und sogar von mir unbekannten Spendern gerechnet!

Es kamen insgesamt 1800 € zusammen (das erste Mal hatte ich vor lauter Aufregung einen Spender doppelt gezählt…) = 213000 Nepalesische Rupies (laut Kontoauszügen und Wechselkurs vom 11.7.16). Wie wundervoll und unglaublich!!! Hiermit recht herzlichen Dank im Namen der Erdbebenopfer an euch alle, die ihr ein mitfühlendes Herz habt! Anbei ist eine Liste der Spender mit den Anfangsbuchstaben der Namen. Aus Betragshöhe und Datum der Überwesiung könnt ihr euch in der Liste selbst finden, ohne dass die Diskretion verletzt wird.

Ich holte das Geld in mehreren Etappen vom Bankautomaten, da Kreditkarten aus Sicherheitsgründen einen täglich begrenzten Verfügungsrahmen besitzen . In meinem Hostel gab es keine Schließfächer und so musste ich sehr gut Tag und Nacht auf eure Spenden aufpassen. Ich packte sie in meine Bauchtasche und meine „Scheinschwangerschaft“ wuchs täglich rapide…  Anbei ebenfalls ein Foto von dem Paket mit Scheinen in 500 und 1000 NR, das dann am Ende so aussah.

Nun möchte ich euch versuchen – denn für gewaltige Emotionen fehlen oft die richtigen Worte – zu berichten, was ich am 11.07.2016 erlebt habe:

Erst wusste ich gar nicht, wie ich die Aktion anstellen sollte. Sollte ich Lebensmittel kaufen und sie verteilen? Ich hätte mich totgetragen oder einen teuren Wagen mieten müssen. Das wollte ich nicht. Das Geld sollte direkt ohne irgendwelche Nebenkosten, die sonst bei groß angelegten Spendenaktionen von namhaften Organisationen anfallen, in die Hände der Betroffenen. Die Antwort kam direkt vom Himmel gefallen.

Erst einmal musste ich sicher nach Boudha, dem Vorort, kommen. Mir war nicht einerlei, mit einem Jahreseinkommen eines hiesigen erfolgreichen Unternehmers (Jahresdurchschnittseinkommen 460,- € pro Person!) erst durch die halbe Stadt zu laufen und dann noch eine Stunde Bus zu fahren. Ich glaube, so aufgeregt wie in diesen Stunden war ich selten im Leben…

Dort angekommen, wollte ich jeder Familie etwas zukommen lassen. Aber ich brauchte Hilfe. Ich bat alle Schutz- und Lichtengel, die gerade nichts anderes zu tun hatten zu mir, um mir Beistand zu leisten. Ich hatte einen Zettel in englisch vorbereitet: „Diese Spende ist von deutschen Freunden für Lebensmittel für eure Familien!“ Da kaum jemand von diesen armen Menschen deutsch versteht, musste ich ihn in nepali übersetzen lassen. Ein „bakery café“ gegenüber der Zeltanlage schien mir prädestiniert dazu. Zwei verständnisvolle Männer, denen ich mein Anliegen vorbrachte, übersetzten diesen Satz gewissenhaft. Nun konnte es losgehen. Ich checkte erst einmal die Lage. Viele Frauen waren zu sehen, kaum Männer. Das war gut so! Denn sie sollten den Betrag in Empfang nehmen. Entschuldigt, ihr Männer, es soll keine Diskriminierung sein! Aber ich erlebe es hier täglich – und meine Vermutung bestätigte sich später im Gespräch mit den Frauen, dass die Männer, selbst wenn sie Arbeit haben, den Status des Geldverdieners in der Familie genießen und sehr viel davon in ZIgaretten, Alkohol, Drogen und Spielereien umsetzen. Und ich denke, es ist auch in eurem Sinne, dass eure ebenfalls hart erarbeiteten Spenden sich nicht in Rauchwolken, Delirien oder Flashs auflösen. Die Frauen versorgen die Kinder, kaufen ein, kochen und waschen und wissen oft nicht weiter. Selbst wenn die eine oder andere Rupie vielleicht in Lippenstift oder Nagellack investiert werden sollte (viel mehr Persönliches besitzen sie nicht), dann ist es immer noch besser als in Genusssüchte. Es sollte erwähnt werden, dass die wenigen Männer, die anwesend waren, sich sehr diskret und still im Hintergrund aufhielten, als würden sie meine Gedanken lesen können…

Ich hatte die Illussion, von einem Zelt zum nächsten zu gehen und „heimlich, still und leise“ ohne Aufsehen zu erregen, jeder Familienmutter einen 1000-Rupie-Schein in die Hand zu drücken. Das funktionierte die ersten 10 Minuten. Dann war die Kunde, dass eine Weisse Geld verteilt, wie ein Lauffeuer über den Platz gequollen. Oje… Immer mehr Frauen stürmten zu mir. Und nun kamen meine Engelchen ins Spiel. Es wurden genau fünf im Alter von 13 bis 22 Jahren, und sie hatten nichts zu tun! Es sind nämlich Ferien. Da 90 % der Frauen weder lesen noch ihren Namen schreiben konnten, übernahm die 16-jährige Neerjala den Listenjob, weil ich kein nepali kann. Sie schrieb die Beträge und die Namen der Empfänger auf. Die 13-jährige Swastika übernahm das Blatt mit dem nepalesischen Satz und las ihn den Frauen vor. Nachdem sie mich immer wieder sagen hörte: „Nicht für Alkohol, Zigartten und Drogen!“, ergänzte sie ihn noch mit diesem Hinweis von sich aus! Später kamen noch drei Mädels dazu, die mit übersetzten und peinlichst aufpassten, dass ja keine doppelt Geld erhält. Eine fächelte mir Luft mit ihrem Schulheft zu, weil die Schwüle unerträglich war. Eine fasste mich an die Hand und führte mich durch undefinierbare Lachen, Gräben und Pfade zum entsprechenden Zelt. Alles fügte sich von magischer Zauberhand und kam mir sehr gelegen. Ich war begeistert! Meine Assistentinnen waren mir einfach so zugeflogen, ohne dass ich auch nur eine fragen musste! So funktioniert perfekte Gedankenübertragung!

Eigentlich wollte ich Reihe für Reihe ablaufen, aber die Parxis sah dann anders aus. Ich hatte Prioritäten gesetzt, da ich nicht wusste, wie weit das Geld reicht: erst Familien mit Babies, Schwangere, Behinderte, Alte, Kranke. So liefen wir kreuz und quer über den Platz. Inzwischen war die Nachricht auch bis zur letzten Frau gelangt. Zum Teil wurde ich von 50 – 100 Menschen dicht umlagert und sogar bedrängt. Manche zogen mich an beiden Armen in entgegengesetzte Richtungen. Bis es mir zu viel wurde und ich einen Brüller losließ: „Stopp! Wenn ihr nicht aufhört, gehe ich und keine bekommt Geld!“ Dann war erstmal für 5 Minuten Ruhe im Karton – bis neue hinzukamen…

Insgesamt rannten wir von 12.00 bis 18.00 Uhr durch die Zelte. Ich besuchte jedes einzelne (um auch sicher zu gehen, dass sich keiner von „draußen“ dazumogelt…) und wechselte persönliche Worte. Neben den üblichen Fragen, wieviel Personen im Zelt wohnen, wer Arbeit hat usw. wollte ich mich von der Bedürftigkeit überzeugen. Aber ich muss sagen, wer hier lebt in diesen misserablen Zu- und Umständen, ist 100%-ig bedürftig und hat eine Spende verdient.

Einige wenige Ausnahmen bezüglich der Männer musste ich dann doch machen. So gab es alleinstehende Männer, die keinerlei Einkommen haben und am Rande der Existenz leben. Der eine hat Tumore im Gesicht, ein anderer saß laufunfähig auf seiner Matte (und kann somit auch nicht arbeiten gehen), ein nächster, dessen Frau im Krankenhaus lag, ist gehbehindert. Ihnen gab ich ebenfalls einen 1000-er. In den Zelten leben durchschnittlich 4-6 Personen, manchmal „nur“ drei, manchmal noch mehr als sechs. Auffallend war, dass viele Familienmitglieder krank bzw. im Krankenhaus sind. Auch viele alleinstehende Frauen mit Kindern leben hier. Sie arbeiten zum großen Teil auf dem Bau und tragen Ziegelsteine. Da ich Kindern generell kein Geld gab, wenn die Mama arbeiten war, wurden diese Frauen von anderen angerufen und sie verließen ihre Arbeit, um das Geld in Empfang zu nehmen. Wenn sie auch auf den Fotos sehr schick gekleidet bzw. geschminkt und geschmückt sind, ist es ein Versuch, inmitten von Dreck, Müll und Gestank etwas Menschenwürde zu bewahren und etwas Schönheit hineinzutragen. Übrigens: Die Stromleitungen führen ÜBER die Zelte, keine einzige Leitung geht nach unten!

Neben der ganzen materiellen Geschichte, der finanziellen unmittelbaren Hilfe ist vor allem eins wichtig gewesen: die seelische Seite. Die Reaktionen der Menschen, die strahlenden Augen, die Gesten der Dankbarkeit. Insgesamt wurden durch eure Spenden innerhalb von 6 Stunden 215 Familien mit ca. 1000 Mitgliedern glücklich gemacht. Manche hatten lange nicht so viel Geld in der Hand. Obwohl es für uns nur ca. 8,40 € sind, können sie sich hier einige Tage gut versorgen. Eine junge alleinstehende, sehr arme Mutter mit Baby konnte sich gar nicht freuen. Sie hat vor lauter Kummer und Sorge das Lächeln verlernt. Aber die allermeisten konnten ihr Glück kaum fassen. Die Dankbarkeit zog Kreise. Eine Omi brachte mir einen kleinen Litschisaft, eine andere einen Mangosaft, eine wischte mir den Schweiß vom Gesicht, die nächste zog mich in ihr Zelt, dort warteten Apfel- und Bananenstücke auf mich, weil sie merkten ich hatte Hunger. Jetzt konnte ich mein Glück kaum fassen. Diese armen Menschen gaben mir von ihrem „Fastnix“ ab. Eine sagte: „Du hast jetzt seit 12 Uhr gearbeitet, du brauchst eine Pause!“ „Nein, antwortete ich, „das ist keine Arbeit für mich. Es macht mir Freude, euch glücklich zu sehen.“ Kurz vor 18 Uhr fing der Monsun an. Das Geld war fast verteilt und ich durfte mit meinen Assistentinnen in einem Zelt unterkommen. Vor der Tür versammelten sich diejenigen, die noch kein Geld erhielten. Einer älteren Frau gab ich den letzten 500er-Schein. Aber sie wusste: andere hatten 1000 bekommen und verlangte eindringlich nach dem Rest. Ich zeigte und sagte ihr, dass ich nichts mehr habe. Sie hielt fordernd und ärgerlich ihre Hand vor mein Gesicht. So etwas gab es halt auch, aber zum Glück nur ein einziges Mal. Die Meute war hartnäckig und wartete vorm Zelt im Regen. Mehrmals erklärten wir, dass das Geld alle ist. Sie verstanden oder glaubten es nicht. Ich hofften, dass ich morgen wiederkomme! Als ob ich eine Geldmaschine im Rucksack hätte… Die Mädels waren echt gut drauf! Intelligent, organisiert und mitdenkend. Bevor mich die Leerausgehenden lynchen konnten, brachten sie mich in Sicherheit. Ich hatte einige Scheine beiseite gelegt. Jede von ihnen bekam ihren persönlichen Lohn für die Begleitung und Hilfe. Ich versäumte nicht, ihnen ans Herz zu legen, fleißig in der Schule zu lernen, damit sie später einen guten Job bekommen, Geld verdienen, dann einmal in einem Haus wohnen können und aus diesem Elend herauskommen. Am Ende wurde ich noch in zwei Zelte eingeladen und verwöhnt. Nachbarn kamen hinzu, wir unterhielten uns und ich durfte nicht gehen, ohne die selbstgenähten Geschenke in meinem Rucksack verstaut zu haben mit dem Versprechen, wenn ich wieder mal in Nepal bin, unbedingt vorbeizukommen.

Leider können die Fotos die Gefühle nicht richtig oder nur teilweise wiedergeben. Aber ich versichere euch, dieser Tag war unglaublich herzergreifend und ich werde ihn niemals vergessen! Meine 24-jährige Freundin Brashna mit ihren 2 kleinen Jungs (Ihr erinnert euch? erste Mail) kam irgendwann hinzu. Sie begleiete mich die restliche Zeit mit offenem Mund, staunenden glänzenden Augen und Kopfschütteln. Sie und keine andere hatte geglaubt, dass ich wiederkommem würde, denn ich hatte beim ersten Zusammenkommen nur gesagt: “ Ich werde etwas versuchen, aber ich kann nicht versprechen, dass es klappt!“ Das ist das, was diese Menschen brauchen: Hoffnung, Vertrauen, Glaube an das Positive im Leben und dass es Menschen auf der anderen Seite der Welt gibt, die mitfühlen und an sie denken. Und ich hoffe, dass ich dies mit eurer Hilfe ein bisschen vermitteln konnte…

Da ich von einigen (unbekannten) Spendern keine Emailadresse habe, möchte ich diejenigen bitten, die sie kennen, da ja meine Kontonummer weitergeleitet wurde, diese Mail weiterzuleiten. Auch sie sollen erfahren, dass ihre Spende gut angelegt worden ist. Danke!

Es ist doch immer wieder schön, zu sehen, dass bei solch einer spontanen und unbürokratischen Aktion so viele mitmachen. Ich danke euch von ganzem Herzen für euer vollstes Vertrauen in mich! Dies macht mich sehr froh und auch stolz denn heutzutage ist dies keineswegs eine Selbstverständlichkeit. So eine zerbrechliche Pflanze des Vertrauens muss gehegt und gepflegt werden. Niemals würde ich auch nur einen Cent von den Spenden für mich verwenden. Dazu ist mir euer Vertrauen und eure Freundschaft viel zu wertvoll. Dankbarkeit erfüllt mein Herz, dass es so ist, wie es ist.

 

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